Sehnsucht nach dem Frühling

Der Schnee lag noch auf den Berggipfeln. Doch die Bäche schwollen an vom Schmelzwasser.

Ach wie kitzelte die Sonne auf meiner Nase.

Die Schneeglöckchen in Miniaturausführung streckten ihre Fühler aus.

Die Krokusse waren Farbklekse am Wiesenrand.
Das war, als mir bewusst wurde, dass schon wieder ein Jahr vorbei war.

Nun war es 10 Jahre her, dassdie Mutter starb und der Kreislauf der Natur nahm kein Ende.

Es war, als würde bewusst dieser Fakt von der Natur nicht wahrgenommen. Es war, als wollte man mir sagen, dass alles weiter seinen Gang gehen würde unbefragt.

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Im August werde ich Dich besuchen

Das sagte ihr Vater zu ihr und sie dachte immer, dass er sie selber damit meine. Ihre Mutter und Ulrike hatten den selben Vornamen.
Als das Altersheim sie am letzten Julitag anrief, wurde ihr klar, dass er die Mutter gemeint hatte. Er hatte sich nur um einen Tag vertan. Da er an Demenz litt, war sein Denkvermögen und seine Zeitorientierung manchmal eingeschränkt. Zeit und Raum fügten sich anders in sein Leben als bei einem jungen Menschen.
Oder sollte er vielleicht doch recht behaltent? Denn Anfang August wurde er neben seiner Frau bestattet. Nun waren sie endlich vereint bis auf alle Ewigkeit.
Nur die Kränze waren Zeugen dieser Liebesgeschichte, aus der vier Kinder und Enkelkinder hervorgingen.

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Aber deren Leben war so beschäftigt, dass einige von ihnen zu diesem letzten Beisammensein nicht mehr kamen.

Stille zwischen den Jahren

Nach dem Weihnachtstrubel musste Maria erst einmal aufräumen.
Bald schon sollten die Gäste zur Silvesterparty kommen.
Doch sie verschnaufte, griff erst nach ihrem Strickzeug und dann las sie in aller Ruhe ein Buch.

Sie merkte nicht,dass sie einschlief.
Als sie auf die Uhr blickte,merkte sie, dass es schon spät war.
Morgen ist auch noch ein Tag,sagte sie sich.

Bescherung

Es war wie jedes Jahr. Die Familie kam zusammen. Doch jeder freute sich nicht so recht auf Weihnachten.
Alle fühlten sich verpflichtet und wollten eigentlich nur der eigenen Einsamkeit entrinnen.
So kamen die Kinder samt der Kindeskinder widerwillig nach München ins Elternhaus.
Es war ein Treiben und Rennen auf dem Treppenhaus. Die Enkelkinder wollten als allererste oben sein.

Da passierte es. Ihre Oma stolperte und verknackste sich den Knöchel.
Die Kinder, die verwöhnt waren, begleiteten ihr Mutter in die Notfallambulanz und warteten in den überfüllten Korridoren darauf, aufgerufen zu werden.
Als sie erfuhren,dass der Knöchel nun doch nicht gebrochen war, waren sie erleichtert.
Nach diesem Weihnachtsfest sollte alles anders werden.
Die Kinder luden nun ihre Eltern zu sich ein.
Als dann nach einigen Jahren der Vater genau an Heiligabend starb, erinnerten sie sich der schönen Weihnachtsfeiern in der Villa ihrer Eltern.
Wie sehr sehnten sie sich jetzt nach dem Getrampel der kleinen Kinderfüße.

Doch ihre Kinder waren nun rebellierende Teenager, die lieber eine Pizza zu Weihnachten essen würden als den elterlichen Kartoffelsalat mit Würstchen.
Über die Jahre verringerte sich der Schmerz über den Tod ihres Vaters.
Warum musste er auch gerade über Weihnachten sterben?
Die Heiligabende waren traurig und betrübt.

So verschied auch bald die Mutter.

Aber in dem Jahr danach geschah etwas, dass sie nicht voraus ahnen konnten.
Es was,als die Geschwister mit allen ihren Kindern noch einmal zum letzten Mal in der Villa ihrer Eltern zusammen kamen.
Es war Heiligabend. Die Stimmung war trüb.
Da verkündete die Tochter ihrer Mutter: „Mama,ich bin schwanger.“
Die Kusinen,Cousins,Eltern,Onkel und Tanten waren plötzlich wieder guter Laune.
Was für eine Bescherung.
Sie versprachen alle, der jungen werdenden Mutter beizustehen. Pläne wurden geschmiedet und plötzlich war da wieder ein fröhliches Treiben.

Fallobst

Wenn die Äpfel groß und rund wurden, fielen sie meist vom Stamm. Vom Aufprall erhielten sie braune Flecken und wenn man nicht aufpasste, verrottete ein Apfel im Nu.

Deshalb machte Lisa sich früh morgens auf den Weg zum Ende des Gartens. Dort erspähte sie auf dem Boden einen grasgrünen Backapfel,der vom Aufprall noch unversehrt blieb.

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Sie entschloss, ihn zu entkernen, ihn mit einer Mischung aus zerhackten Korinthen und Haselnüssen zu füllen, ihn in einen Teigmantel zu hüllen und daraus einen Apfel im Schlafrock zu machen.

Gesagt, getan.

Als sie vom Einkauf zurückkam, sah sie nur die Überreste auf dem Teller liegen. Daneben lag der Kopf ihres schlummernden Ehemannes.

„Liebes. So etwas Leckeres habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Es war ein Gedicht.“

Lise konnte nun ihrem Mann nicht mehr böse werden.

Morgen würde sie endlich die anderen Äpfel ernten und einen Apfelstreuselkuchen backen.

Närrische Zeit

Schon als kleines Kind träumte Helen davon, ein Funkmariechen zu werden.

Doch ihr Traum sollte nie in Erfüllung gehen. Ihre Eltern hatten vier Kinder und da reichte das Geld nicht aus, einem Karnevalsverein beizutreten.

Zudem fehlte es Helen an Talent, wenn sie die Beine anwinkeln wollte, sah das nie graziös aus.

Die Jahre gingen dahin. Und dieser Traum war schon längst vergessen.

Helen war ein bisschen pummelig geworden und hatte schöne rote Backen bekommen.

Ihre Kinder gingen in die Grundschule. Sie liebte es, Mutter zu sein.

Ihr Mann kam nach Hause und meinte: „Ich habe unerwartet Karten für den Rosenmontagszug in Köln bekommen. Mache die Kinder fertig und es geht los.“

Im Handumdrehen waren Emil und Heidi in ihren Clownskostümen. Nur Helen hatte nichts zum Anziehen.

Da kam ihr eine Idee. Sie nahm einen Schrubber in die Hand und sagte:“Nun kann es losgehen.“

Ihre Karnevalbekleidung war der einer Hausfrau.

Von der Tribüne sah die Familie dem närrischen Treiben zu. Mit ihren umgedrehten Schirmen fingen sie viele Bonbons ein.

Die Kinder liefen ihr in den Clownskostümen voran und ihr Mann schlenderte auf dem Heimweh in einem Cowboy-Outfit neben ihr her.

„Kann ich ein Foto von Ihnen machen für unsere Tageszeitung?“, fragte ein Pressefotograf die Familie.

Alle posierten und schienen es zu genießen, im Mittelpunkt des Interesses zu sein.

Am nächsten Tag schlug Helen die Zeitung auf und fand sich und ihre Familie auf der Titelseite wieder.

Darüber war die Schlagzeile: „Närrisches Treiben in Köln-Hausfrau und Cowboy machten das Rennen im Kostümwettbewerb. Herzlichen Glückwunsch“

Helen strahlte über das ganze Gesicht. „Gut, dass ich kein Funkmariechen war. So war ich einmal im Leben im Mittelpunkt.“

Dann machte sie sich freudig an die Arbeit.